So viele Pilger
So viele Pilger! – In Frankreich ist nach Corona das Pilgerfieber ausgebrochen. Dreimal mehr Menschen sind auf dem Jakobsweg unterwegs als vorher. Statt Zehntausend sind es Dreissigtausend pro Jahr. Das bedeutete ausgebuchte Unterkünfte und viel Betrieb auf den Wegen. Das war eine unerwartete Herausforderung für unsere Pilgerfahrt. Wir hatten uns zu dritt von Le Puy, in der Mitte Frankreichs, Richtung spanische Grenze auf den Weg gemacht. Pilgern heisst alles nehmen, wie es ist – das also! Ich betrachtete meine Reaktionen: Spontan war da Abneigung, warum eigentlich, so fragte ich mich. Ich könnte mich ja auch freuen, dass diese vielen Menschen für ihre Ferien nicht ins Flugzeug gestiegen sind, sondern beschlossen haben, im eigenen Land zu Fuss zu gehen.
Wunderbar – haben sie vielleicht alle einen Bewusstseinswandel erlebt? Was also bringt mich in die Abneigung? Es ist das Haften am Individualismus, den wir uns, wie wir wissen, ja nicht länger leisten können. Der Buddha nennt es Ich-wahn. Gegen Abneigung empfiehlt er die Übung umfassenden Wohlwollens. Also übte ich mich: Diese Pilger sind wirklich erstaunliche Mitwesen, nirgendwo liegt auch nur ein Fitzelchen Abfall, sie sind freundlich, friedlich, hilfsbereit, offen, diszipliniert und geradezu beseelt, es tut gut, mit ihnen allen unterwegs zu sein, Weggefährten. Alle sind auf dem Weg der Befreiung, jede bzw. jeder auf ganz eigene Weise. Es gibt so viele Wege wie Individuen, sagt der Buddha.
Um den Geist auf dieser Spur zu halten, spreche ich innerlich immer wieder das Wunschgebet: Mögen alle Wesen glücklich sein, mögen sie frei sein von Leid, mögen sie Frieden in ihren Herzen finden. Und dabei geht mir etwas Entscheidendes auf: Es ist ein Unterschied ob ich sage, « mögen sie … » oder ob ich sage, «mögen wir glücklich sein, mögen wir frei sein von Leid, mögen wir Frieden in unseren Herzen finden.» – Ausprobieren.
Sita